Hier einige Texte aus meiner Feder.
Chris Barber zum 80.!
copyright: Lutz Eikelmann, 2010
Der nachfolgende Text wurde am 17.4.2010 auf Barbers offizieller Website www.chrisbarber.net freigeschaltet, worüber ich mich sehr freue. Dieser Text brachte mir nicht nur zusätzliche Besucher auf meiner Homepage, sondern auch schon positives Feedback durch verschiedene Musiker und Musikfreunde. Vielen Dank!!!! Bin gespannt, wer das noch alles zur Kenntnis nimmt...
Deutschland, den 17. April 2010
Lieber Chris Barber,
auch wenn ich mir nicht anmaßen kann für alle deutschen Jazzmusiker und Jazzliebhaber zu sprechen, so scheint es mir doch möglich, anläßlich Ihres 80. Geburtstages einige Gedanken zu Papier zu bringen, denen sich auch weitere hiesige Jazzfreunde und Musiker anschließen können.
Neben meinem herzlichsten Glückwunsch zu Ihrem Wiegenfeste und meinen besten Wünschen für Ihr neues Lebensjahr ist das Thema „Dank“ ein besonderer Schwerpunkt dieser Gratulation.
Ohne Ihren Beitrag zur Popularität des traditionellen Jazz würde in Deutschland nicht die heutige „Jazz-Infrastruktur“ existieren; es gäbe keinen derart großen Markt für unsere Musik, der einer Vielzahl professioneller und semi-professioneller Musiker aus dem In- und Ausland ermöglichen würde, mit Dixieland und Swing den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen; von Ihrer Inspiration einer großen und rührigen Amateurszene ganz zu schweigen.
Ihr musikalisches Lebenswerk ist geradezu vorbildlich zu nennen. Nicht nur, daß Sie als einer der Ersten systematisch amerikanische Gastsolisten – von Bertie King über Muddy Waters, Sister Rosetta Tharpe, Alex Bradford und Freddie Kohlman bis hin zu Dr.John – zu Konzerten, Tourneen und Schallplattenproduktionen einluden; nicht nur, daß Sie von den frühen 1960ern (Paul Barbarin, Billie & DeDe Pierce) bis in die 1990er Jahre (Percy & Willie Humphrey) Aufnahmesessions mit New Orleans Musikern produzierten; nein, Sie waren auch Vorreiter vieler populärer Modewellen in der Musik wie zunächst Skiffle und später Blues. Sie sorgten in regelmäßigen Abständen für Umstrukturierungen, Ergänzungen und Veränderungen Ihrer Band, die Publikum, Fans und Kritiker herausforderten und zum Erhalt der Lebendigkeit und der Weiterentwicklung der Chris Barber Musik beitrugen: Mitte der 60er ergänzten Sie Ihre Jazzband um eine elektrische Gitarre in der Rhythm Section – in den 70ern gelang Ihnen die erfolgreiche Integration weiterer Rock- und Blues-Elemente und das Spiel mit Taktarten, die weit über den in den älteren Jazzstilen üblichen Viervierteltakt hinaus gingen. Bei allen Entwicklungen vergaßen Sie jedoch nie die Verwurzelung in der Jazztradition.
Da Veränderung und Weiterentwicklung bei gleichzeitiger Verwurzelung in den Traditionen zu den Grundprinzipien des Lebens zählen, ist man versucht, Ihren Erfolg alleine durch die bewußte Anwendung universeller Prinzipien zu erklären. Jedoch trug auch Ihr enormer persönlicher Einsatz und Fleiß entscheidend zum Überleben Ihrer Band in den Wirren der Zeiten und zum geschäftlichen wie künstlerischen Erfolg bei.
Sie sind mir und anderen Musikern auch in anderer Hinsicht Vorbild. Basierend nicht nur auf dem Besitz, sondern auch der Kenntnis (!) einer umfangreichen Sammlung an Jazz- und Blues-Schallplatten wissen Sie, was Sie tun. Dieses aufmerksame Hören und Verinnerlichen der Musik der altvorderen Jazzmusiker ist die entscheidende Basis für Ihren künstlerischen Erfolg, schöpfend aus der Jazztradition Ihren eigenen künstlerischen Ausdruck als Arrangeur, Bandleader, Komponist und individueller Musiker zu entwickeln. In heutigen Zeiten, in denen viele jazzende Musiker gar nicht oder nur oberflächlich die alten Schallplatten hören, die unser musikalisches Erbe und die Basis unseres Schaffens bilden, kann darauf gar nicht deutlich genug verwiesen werden.
Ich wünsche Ihnen von Herzen unendlich viel Glück, Lebensfreude, Gesundheit und Inspiration! Alles Gute für Sie und Ihre BIG CHRIS BARBER BAND!
Thank you for all – God bless you!
Ihr Lutz Eikelmann
Wetter an der Ruhr, Deutschland; www.lutz-eikelmann.de
"Walking with Legends --- Barry Martyn´s New Orleans Jazz Odyssey"
copyright: Lutz Eikelmann, 2008
by courtesy of Louisiana State Press, 2008
Der englische Drummer, Bandleader, Produzent, Autor und Jazzgeschichtsforscher Barry Martyn berichtet in diesem autobiographischen Buch über seinen Weg in den Jazz und seine über 50jährige Karriere, die ihn mit vielen Größen der Jazz-Geschichte zusammenführte. Geboren 1941 ging er bereits als 19jähriger nach New Orleans, um dort die Tradition des "New Orleans Drumming" zu studieren.
In den späten 50er Jahren spielte seine "Kid Martyn´s New Orleans Ragtime Band" (damals u.a. mit dem jungen Klarinettisten Sammy Rimington) in "Ken Colyer´s Jazzclub" (heute "100 Club", Oxford Street/London) als Ersatz für "Ken Colyer´s Jazzmen", wenn Ken auf Tour war. Mitte der 60er organisierte Barry, dem Beispiel Chris Barbers folgend, Tourneen mit amerikanischen Gastsolisten in Großbritannien und lud Musiker wie Kid Sheik, Louis Nelson, Captain John Handy, Kid Thomas Valentine, Alton Purnell u.a. zu Konzerten und Schallplattenproduktionen ein. Er arbeitete des weiteren mit Barney Bigard, George Lewis, Albert Nicholas und unzähligen anderen Musikern der Crescent City sowie mit anderen Größen des Jazz wie Ray Nance, Ben Webster, Joe Venuti, Benny Carter und Hoagy Carmichael.
1973 gründete Barry Martyn in Kalifornien seine "Legends Of Jazz", mit denen er in den 70er und 80er Jahren erfolgreich um den gesamten Globus tourte. Zu den festen Musikern dieses Ensembles gehörten Jazzgrößen wie der Trompeter Andrew Blakeney, der Klarinettist Joe Darensbourg, der Tenorsaxophonist Sam Lee, der Bassist Ed Garland, der Posaunist Louis Nelson und der Pianist Alton Purnell.
In diesem Buch ( in englischer Sprache! ) läßt er den Jazzfreund Teil haben an den Erlebnissen und Begegnungen mit diesen und weiteren Jazzern sowie mit diversen Größen aus dem Showgeschäft.
Wie Bruce Boyd Raeburn, Curator der Tulane University / New Orleans, Louisiana, im Vorwort zu recht schreibt: "Martyn found his way to New Orleans because he knew in his heart that he belonged there." Und Barry Martyn hat seine musikalischen Wurzeln in der Stadt seines Herzens so intensiv studiert wie so manch Anderer, der ihm später folgen sollte --- ich denke da nur an amerikanische Musiker wie Butch Thompson, Hal Smith, Charlie de Vore u.a., an den Japaner Yoshio Toyama sowie an europäische Musiker wie zum Beispiel die Schweden Orange Kellin & Lars Edegran, die Briten Trevor Richards, Clive Wilson & Sammy Rimington oder die Deutschen Frank Naundorf, Reimer Lösch, Peter Wechlin u.v.a.
Raeburn, der an der Tulane University das Hogan Jazz Archive leitet, bringt es auf den Punkt: "One earns a place through a combination of musical talent, good works, and attitude, fueled by a desire to `be in that number´." Und auch das trifft voll und ganz auf Barry Martyn zu, der wie nur wenige Andere auf allen Erdteilen, selbst in Südamerika und Asien, zur Popularität des New Orleans Jazz beigetragen hat. Seine Liebe zu New Orleans und der Musik dieser Stadt hat ihm in Verbindung mit musikalischem Talent und jahrzehntelanger, harter und erfolgreicher Arbeit zu einer besonderen Führungsfigur in der weltweiten Familie der New Orleans Jazzer werden lassen.
In diesem Buch dreht es sich jedoch mehr um die Schilderung von Erlebnissen und zwischenmenschlichen Begegnungen denn um wissenschaftliche Analysen dieser Musik und es macht diese Lektüre so erfreulich, sympathisch, persönlich und authentisch. Barry was there when it happened. That´s it. Ich kann dieses Buch nur allen Jazzfreunden und Musikern wärmstens empfehlen. Mögen Bücher über Jazz oft trocken geschrieben sein und sich in discographischen Details, Statistiken, Daten und ähnlichem verlieren, so läßt einen der Spannungsbogen dieser "New Orleans Jazz Odyssey" nicht mehr los.
Abschließend will ich einen weiteren Satz des Vorwortes von Bruce Boyd Raeburn zitieren: "You may not learn how to play drums in a jazz band by reading this book, but you´ll definitely come away with an understanding of how New Orleans music can bring people of diverse backgrounds together."
Eine spannende Lektüre wünscht Ihr und Euer Lutz Eikelmann
Louisiana State University Press / Baton Rouge, Louisiana; in Deutschland im Buchhandel erhältlich und bestellbar unter der ISBN 978 - 0 - 8071 - 3276 - 0
Die Entwicklung der traditionellen Jazz-Szene
in Nordrhein-Westfalen aus meiner Sicht
copyright: Lutz Eikelmann, 2008
Es ist wahrscheinlich unmöglich, die Geschichte der traditionellen Jazz-Szene im bevölkerungsreichsten Bundesland in ihrer Vielschichtigkeit in einem einzigen Artikel darzustellen, daher versuche ich es gar nicht erst.
Da ich jedoch seit 1986 gezielt eine enorme Zahl an Zeitzeugen und Musikern zu diesen Entwicklungen seit den 50er Jahren befragt habe und selbst seit 1989 aktiv an der einen oder anderen Entwicklung teilnehmen durfte, sollte mir ein Anriß dieses Themas einigermaßen gelingen. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, will hiermit jedoch den bisherigen Erkenntnisstand meiner langjährigen Recherchen darstellen und die Bands und Musiker benennen, die die hiesige Traditional Jazz Szene besonders prägten. Der Schwerpunkt meiner Betrachtung findet sich im Bereich des New Orleans Jazz und Dixieland in NRW.
Wie vielerorts außerhalb von NRW wurde die Masse der Amateurbands in den 50er und 60er Jahren vom britischen Trad Boom à la Barber – Ball – Bilk oder von anderen populären Jazzbands wie Papa Bue´s Viking Jazzband, Dutch Swing College Band etc. inspiriert.
So weit nicht ungewöhnlich. Amerikanische Impulse kamen damals auch eher von manchen dortigen Revivalbands, aber der britische Einfluss war deutlich größer, was mutmaßlich auch mit der britischen Besatzungszone zusammenhängen dürfte.
Auch wenn manche Bands und Musiker sich vom Chicago Stil eines Eddie Condon beeinflussen ließen, so bewegten sich die meisten Musiker doch eher im New Orleans Jazz und klassischem Dixieland und weniger im Mainstream. Eine der wenigen Ausnahmen bildeten beispielsweise die legendären Düsseldorfer “Feetwarmers“ der 50er Jahre ( u.a. mit Klaus Doldinger ).
In NRW, speziell im Ruhrgebiet, veränderte der Impakt der Beat-Musik die Amateur-Jazz-Szene noch extremer als anderswo. Allerdings kamen Clubs, Kneipen und Bandaktivitäten nicht allein wegen den Beatles & Co zum Erliegen, sondern letztendlich spielte auch eine entscheidende Rolle, daß für viele Amateurjazzer parallel zu diesen Entwicklungen der Populärmusik auch Änderungen im persönlichen Leben stattfanden – das selige Studentenleben war vorbei, plötzlich stellten zunächst Wehrdienst, dann Beruf und Familie starke Ansprüche, so daß viele Hobbyjazzer die Musik zurückstellten. Parallel veränderte sich zwar auch die Kneipenlandschaft, Jazzclubs schlossen oder wurden zu Diskotheken umgewandelt, Musikkneipen veränderten das Programm von Jazz hin zu Beat- oder Bluesmusik etc., es kamen viele Faktoren zusammen, die zu einem Wandel der Amateurjazzlandschaft führten. Kurz, es lag nicht allein an den „bösen“ Beatles wie sich das Klischee in den Köpfen von Altjazzern und Fans bis heute vielfach erhalten hat.
Interessanterweise fallen auch viele Hitparaden-Erfolge traditioneller Jazzinterpreten (Louis Armstrong, Kenny Ball, DSC u.a.) in die Beat-Ära der 60er, so daß die „schwierigen Jahre“ offenbar nur eine Phase des Umbruchs und der Neugestaltung waren, nicht jedoch den Tod des traditionellen Jazz, der seit den 20er Jahren schon x-mal totgesagt wurde und wieder auferstand, bedeuteten. Totgesagte leben halt bekanntlich länger wie wir wissen.
Manche Band pausierte damals über einige Jahre – wie zum Beispiel die „Maryland Jazzband Of Cologne“, die 1966 ihre Aktivitäten einstellte und erst 1974 wieder aufnahm. Einen Extremfall gab es im östlichen Ruhrgebiet, wo eine Band in den 50er Jahren rege war, dann jedoch „pausierte“, bis sie Jahrzehnte später mit der cleveren Marketingidee, 1983 ihr 30jähriges Bestehen zu feiern, wieder reaktiviert wurde und seitdem hier wieder eine Rolle spielt. Manche Leute hielten es für sehr fragwürdig, das 30jährige Bandjubiläum zu feiern, wenn die Band tatsächlich nur wenige Jahre im ersten Jahrzehnt dieses Zeitrahmens existiert hatte, aber die Marketingidee hatte Erfolg und seitdem spielt die Band regional sehr wohl eine sehr positive Rolle.
Andere Bands hielten auch in den 60er Jahren durch wie zum Beispiel die 1953 gegründete Wittener „Riverboat Wanderers“, die sich dann in den 70ern zwar in „Riverboat Jazzband“ umbenannte, aber kontinuierlich aktiv blieb. Unter denen, die auch in den schwierigen 60er Jahren durchgehend präsent und aktiv blieben, verdienen besonders die „Seatown Seven“ (gegründet 1962) aus Wuppertal und das „Sidewalk Hot Jazz Orchestra“ (gegründet 1959) aus Solingen besondere Erwähnung. Sie orientierten sich mehr an den Traditionen des Hot Jazz der 20er bzw. 30er Jahre und setzten damit langanhaltende Impulse in NRW.
Besonders positiv ist jedoch hervorzuheben, daß die Bandleader Adrian von Saucken (Seatown) und Erich Heidelberg (Sidewalk) über viele Jahre hinweg auch nachrückenden, jungen Musikern eine Chance in ihren Besetzungen gaben wie z.B. Ralf Peyer (Klavier) oder Reiner Oeding (Sousaphon&Kontrabaß), die in den 70ern bei den „Seatown Seven“ spielten, oder Frank Ludwig (Gitarre) und Christian Hopkins (Klavier), die in den frühen 90ern bei „Sidewalk“ noch einen besonderen Schliff erhielten.
Hinsichtlich der Förderung junger Musiker in NRW ist jedoch auch besonders der exzellente Amateurpianist Norbert Kemper hervorzuheben, der seit Ende der 60er Jahre die Bonner Jazz Szene prägte und für deren Orientierung an amerikanischen Vorbildern anstelle der populären britischen Trad Bands verantwortlich zeigte. Aus Norberts „Schule“ gingen im Laufe der Jahre viele wichtige Musiker hervor, von Semmel Brothuhn über Jörg Kuhfuß bis hin zu Michael Neußer...Diese wurden später selbst manchmal, wie zum Beispiel Semmel oder Jörg Kuhfuß, zu wichtigen Förderern neuer Musikergenerationen. In diesem Sinne machten sich ebenfalls Bandleader wie Horst Maliszewski (Dortmund), Klaus Pentinghaus (Herne), Henning Paur (Bonn&Remscheid) und seit den späten 80er Jahren auch Reiner Oeding (Herdecke) sehr verdient. Sicherlich sind noch einige weitere Bandleader in dieser Hinsicht zu nennen, doch würde das den Rahmen dieses Artikels sprengen, ich bitte daher um Nachsicht und Verständnis, ich betone erneut, dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es ist jedoch auffällig, daß etliche Aktivposten in NRW direkt oder indirekt aus dem Wirken und Einfluß der Herren von Saucken, Heidelberg und Kemper hervorgingen. Sie waren und sind auch mir, zumindest hinsichtlich der Nachwuchsförderung, Anregung und Vorbild.
Im Schatten der Beatwelle formierte sich im Untergrund jedoch der NRW-Dixieland-Boom, der die 70er bis 90er Jahre hindurch anhalten sollte: 1965 (also inmitten der Beat-Ära!) begann das Düsseldorfer Altstadtlokal „Em Pöötzke“, jeden Abend Dixieland-Bands zu buchen. Hier liegen die Anfänge für das, was bald darauf „Düsseldorer Quartett-Dixie-Szene“ genannt wurde. Während sich die Kölner Szene weitgehend im musikalischen Fahrwasser von Barber u.a. Trad Boom-Größen bewegte, bekamen die Düsseldorfer ihre musikalischen Impulse vor allem von populären Gruppen wie „Old Merrytale Jazzband“, „Hot Dogs“ etc.; dieses war besonders auf den Einfluß des charismatischen Trompeters und Entertainers Otto“Zotto“Spindler zurückzuführen, der Mitte der 60er Jahre von Hamburg nach Düsseldorf zog. „Zotto“ (=Abkürzung von „Zoten-Otto“!!!) hatte in Norddeutschland u.a. mit den „Steamboat Stompers“, den „Heidetown Ramblers“ usw. gearbeitet. In den Anfangsjahren des „Pöötzke“ bildete sich der Grundstock für die erste vollprofessionelle Dixieland-Szene in NRW, aus der dann verschiedene Bands, die in den 70ern bis 90ern sehr erfolgreich bundesweit arbeiteten, hervorgingen, z.B. „Jazz mit Schmackes“, „Altstadt Ramblers“, „Doubleju Rindfleisch Orchester“ etc.
In den 70ern wurde der traditionelle Jazz in NRW ( und nicht nur hier!! ) zunehmend beliebter und erfreute sich auch wieder stärkeren öffentlichen Interesses und größerer Medienpräsenz. Bei vielen der Amateurjazzer der 50er und 60er hatte sich auch der Umbruch im persönlichen Leben ( Beruf & Familie ) vollzogen und ihr Leben stabilisiert, so daß viele auch wieder die Muße fanden, zum Instrument zu greifen. Begünstigt wurde das u.a. durch das Wiederbeleben von Jazzclubs, das Aufblühen der Frühschoppen- und Biergartenszene, durch die Gründung von Jazzlokalen wie „Dr.Jazz“ ( Düsseldorf seit 1969 ) und “Papa Joe´s Jazzlokal“ ( 1974 im Kölner Altstadtlokal „Em Streckstrump“ eingerichtet ) und dadurch, daß Brauereien, Autohäuser u.v.a. massiv Dixieland zur Promotion ihrer Produkte einsetzten.
Im Rahmen der Dixielandblüte in NRW entstanden viele professionelle Bands, die über Jahrzehnte hinweg erfolgreich arbeiteten... z.B. „Semmel´s Hot Shots“, „Schröder´s Jazz Express“, „Rosy´s Crazy Washboard Band“, „Udo Reisings Waschbrett & Salon Orchester“, „Reiner Oeding & die Dixie Slickers“, „Lutzemann´s Jatzkapelle“ u.v.a.
Doch die Entwicklung von Popularität und geschäftlicher Verwertbarkeit einer Musik stellen nur eine Seite der Medaille dar. Welche musikalischen Impulse gab es denn nach der Beat-Ära für die nordrhein-westfälische Jazzszene?
Nun, zum einen tourten und konzertierten alle namhaften Bands und Künstler aus dem In- und Ausland in NRW... auch viele Amerikaner wie z.B. Sweets Edison, Bud Freeman, Wild Bill Davison und und und... praktisch alles, was Rang und Namen hat. Es wäre müßig auch nur zu versuchen, diese großartigen Künstler aufzulisten. Wer z.B. von den amerikanischen Jazzern in den 70ern, 80ern, 90ern noch lebte, war auch irgendwann hier. Es soll Regionen und Städte in Deutschland geben, die NRW in kultureller bzw. jazzkultureller Hinsicht immer noch für „tiefste Provinz“ halten – und manchmal trifft man noch einen Hiesigen, der diese Ansicht erschreckenderweise als Selbstbild übernommen hat. Allerdings sollte man den Ballungsraum an Rhein und Ruhr auch in dieser Hinsicht nicht unterschätzen.

Maryland Jazzband mit Ken Colyer, Hagen, März 1984; copyright: Maryland Jazzband
Einen wichtigen Impuls setzte Gerhard“Doggy“Hund mit seiner „Maryland Jazzband Of Cologne“, die sich in den 70ern in der Folge des internationalen New Orleans Jazz Revival, welches von den „Preservation Hall“-Tourbesetzungen, Barry Martyn´s „Legends Of Jazz“, Sammy Rimington u.a. um den Globus getragen wurde, der Zusammenarbeit mit amerikanischen New Orleans Revival Musikern zugewandt hatte und Solisten wie Louis Nelson, Al“Father“Lewis, Freddie Kohlman, Alvin Alcorn, „Sing“Miller, Sam Lee u.v.a. der hiesigen Öffentlichkeit vorstellte. Im Fahrwasser dieses Erfolges entstanden, bestärkt durch weitere Impulse aus den benachbarten Jazzszenen der Niederlande und Belgiens, in den 80ern neue New Orleans Gruppen vor allem im Rheinland wie z.B. die „New Orleans Nightbirds“, die „New Orleans Heartbreakers“, die „Dreamboat Ramblers“ u.v.a., die zum Teil sehr kreativ und erfolgreich arbeiten und sich in ihren Basisregionen eine Art Kultband-Status erspielten.
1984/85 begann Rod Mason am Niederrhein seine „Hot Five“ zu formieren, die nicht nur eine der erfolgreichsten Bands aus NRW wurden, sondern auch eine wichtige „Schule“ in Sachen 20er Jahre Hot Jazz für junge Musiker darstellte – aus ihr gingen mit Engelbert Wrobel, Joe Wulf, Reiner Oeding und Jörg Kuhfuß z.B. vier Musiker hervor, die in ihrer späteren Selbständigkeit als Bandleader viele musikalische und geschäftliche Erfolge zu verzeichnen hatten.
Einen weiteren Bandleader will ich jedoch noch besonders herausstellen: den in Remscheid ansässigen Amateurtrompeter Henning Paur – ein Mann aus dem Norbert Kemper-Umfeld, der in der „Schule“ seiner „New Orleans Wanderers“ vor allem etlichen Klarinettisten und Saxophonisten Anregung und Schliff gab, weil er sie mit einem gewissen Druck nötigte, sich die musikalische Sprache der Hot Jazz Holzbläser wie Johnny Dodds, Omer Simeon, Barney Bigard, Jimmie Noone etc. anzueignen. Die Liste der erfolgreich durch diese Methode geprägten und inspirierten Jungjazzer, die im Laufe der Jahrzehnte durch Henning Paurs Besetzungen geschult wurden, ist schon recht lang... Engelbert Wrobel, Dirk Trümmelmeier, Christian Schmidt, Helge Sachs u.v.a. Die Methode hat sich also bewährt. Derzeit sind es Hennings eigene Töchter Alina und Bastienne, die diesen Prozeß durchlaufen.
Es ist nur schade, daß derartige Verdienste der diversen Bandleader selten oder nie benannt werden. Da eine strenge Hand in der geschäftlichen, organisatorischen und musikalischen Bandführung auch nur in Ausnahmefällen zur Beliebtheit eines Leaders unter seinen Sidemen führt, ist es wohl auch nicht verwunderlich, daß in Musikerbiographien nur selten die Verdienste ehemaliger und sonstiger Förderer erwähnt werden.
Wenn man sich anschaut wie manche heutige Band ihr 10-, 15jähriges oder sonstiges Bestehen feiert, so könnte man denken, diese Bands seien alle aus dem Nichts heraus entstanden, weil nämlich genau die wichtigen Impulse, die zu Beginn ihrer Karriere von außen kamen, verschwiegen werden. Ich halte es für wünschenswert, daß auch hier ein Umdenken einsetzt und sich wieder eine Kultur der Dankbarkeit, des Gedenkens, Erinnerns und Benennens entwickelt. Warum sollen nur Leute von „anno tuck“ wie zum Beispiel Lonnie Donegan darauf verweisen, welche Bedeutung ihre frühen Förderer und Arbeitgeber ( in Lonnies Fall halt Chris Barber und Ken Colyer ) für ihre musikalische Entwicklung hatten? Bands von heute würde das auch gut anstehen, und sie würden sich keine Zacke aus der Krone brechen, wenn sie sich zu denen bekennen würden, denen sie auf vergangenen Etappen ihres Weges dieses oder jenes an positiven Impulsen, musikalischen Inspirationen, nötigen Widerworten und Lektionen verdanken.
Genug für heute. Es konnte sich bei diesem Text nur um einen Anriß handeln, und es wäre wünschenswert, daß diese Thematik noch stärker vertieft wird – vor allem solange noch Zeitzeugen leben, die die Entwicklung seit den 50ern und 60ern miterlebt haben. Es handelt sich hier auch um ein wenig bestelltes Untersuchungs- und Betätigungsfeld für Musikwissenschaftler, Musikredakteure etc.; lokalbezogen ist in diesem Bereich schon manche wertvolle Arbeit geleistet worden, so z.B. in Dortmund und Düsseldorf, jedoch vermisse ich bisher Veröffentlichungen und Untersuchungen der überregionalen Zusammenhänge in NRW und ihrer Vernetzungen nach innen wie außen.
ROD MASON & HIS HOT FIVE
copyright: Lutz Eikelmann, 2008
Es ist mehr als überfällig, diese exzellente Band aus NRW im Swinging Hamburg Journal vorzustellen. So sehr sich die Amateurjazzszene Europas um unsere Musik auch verdient macht, darf sie doch nicht ausschließlich beleuchtet werden. Erlauben Sie mir bitte daher, nun einen weiteren professionellen Jazzmusiker und seine Mannen vorzustellen.

copyright: Rod Mason
Zuerst jedoch ein kurzer Abriß von Rods Karriere vor Gründung der Hot Five: Rod Mason, Jahrgang 1940, begann seine professionelle Karriere 1959 in der legendären Cy Laurie Band, bevor er sich im Winter 1960/61 der neugegründeten Monty Sunshine Jazzband anschloß. 1965 holte Mr. Acker Bilk diesen exzellenten Kornettisten in seine Paramount Jazzband. 1973 gründete Rod zusammen mit dem Klarinettisten Ian Wheeler die legendäre Mason-Wheeler Band, die in Insiderkreisen eine besondere Aufmerksamkeit erregte. 1980 folgte er dann dem Ruf der Dutch Swing College Band.
1985 trat er mit der Gründung der Hot Five in Deutschland aus dem Schatten der „großen“ Namen Sunshine, Bilk und Dutch Swing College heraus und spielte 1985 & 1986 zwei hervorragende LPs unter eigenem Namen ein – Besetzung: Helm Renz (Klarinette&Altsaxophon), Klaus Dau (Posaune), Udo Jägers (Banjo) und Ansgar Bergmann (Klavier). Die LP “Jazz Holiday“ erfreute sich außerdem der Mitwirkung Chris Barbers.
1986 wurde die Band vollprofessionalisiert und die Semi-Profis der Band wurden ersetzt durch die jungen Profis Engelbert Wrobel (Reeds), Joe Wulf (Posaune) und Reiner Oeding (Klavier&Tuba). Damit gelang der Durchbruch der Band, es folgten erste Tourneen nach Großbritannien und in die Schweiz. Nun stieß der ehemalige Colyer-Pianist Ray Foxley hinzu, und Reiner Oeding blieb fest auf der Position des Sousaphonisten. Diese Besetzung spielte, ergänzt um den belgischen Drummer Frans Rombauts, eine bemerkenswerte LP ausschließlich mit Jelly Roll Morton Titeln ein. Foxley wurde, wie einst bei Ken Colyer, 1987 durch Ray Smith abgelöst, der jedoch aus familiären Gründen die Band bald verließ und durch den Australier Rowan Smith ersetzt wurde. Rowan gehörte der Band jedoch ebenfalls nicht allzu lange an. Im Herbst 1988 gelang die Reaktivierung des Pianisten Ralf Peyer aus Burscheid, und damit stablisierte sich die Besetzung der Piano-Position für die folgenden 19 Jahre.
Ich hörte die Hot Five 1986 & 1987 zweimal im Hagener Jazzclub und bald darauf auch im Essener Hotel Assindia im dortigen Barrelhouse Club. Dort gab es noch ein ungeplantes, besonderes Schmankerl. Die Band hatte den Gig beendet, Engel, Joe, Udo und Reiner hatten die Instrumente eingepackt und den Auftrittsort verlassen, während Rowan noch gedankenverloren vor sich hin „klimperte“. Rod griff spontan zu Kornett und Dämpfer, gesellte sich hinzu und es entwickelte sich eine spontane, intime, kreative und reizvolle Session, innerhalb derer Rod völlig anders spielte als innerhalb der Hot Five oder auf den Schallplatten seiner Band. Ich mag seine Art im Louis Armstrong Stil zu spielen sehr, doch ich wußte es auch sehr zu schätzen, daß er sich auch in anderen Stilistiken der Jazztrompete bestens auskannte wie ich damals zu später Stunde zu meinem großen Vergnügen erleben durfte.
Wenn ich nicht irre, erlebte ich eine ähnliche Offenbarung im Jahr 1988 an gleicher Stelle. Ich war nach Essen gefahren, um Abbi Hübners Low Down Wizzards zu hören, doch Abbi war kurzfristig aus beruflichen Gründen verhindert und hatte Rod als Ersatz für sich selbst zu den Wizzards geschickt. Es war, aus meiner Sicht, eine Sternstunde für Rod, der an diesen zwei Abenden wirklich in Hochform war.
Weiter in der Geschichte der Hot Five: im Mai 1989 verließen Engelbert Wrobel und Reiner Oeding die Band und wurden durch die Neuzugänge Paul Harrison (Altsaxophon&Klarinette) und Jörg Kuhfuß (Sousaphon&Baßsaxophon) ersetzt. Damit blieb die Besetzung erstmals für mehere Jahre auf allen Positionen stabil. In diese Epoche fallen Kreuzfahrten nach New Orleans und um Westafrika herum, eine CD-Einspielung mit Angela Brown und eine Live-CD im Jazzclub Dissen – Bad Rothenfelde, die heute bei Sammlern schon sehr gesucht ist. 1993 verließ Joe Wulf die Hot Five, um sich seinen New Orleans Boys voll und ganz zu widmen – eine Band, die später in Gentlemen of Swing umbenannt wurde. Sein Nachfolger wurde zunächst Mike Owens, der jedoch nach nur wenigen Gigs die Band wieder verließ, weil er in New Orleans heiratete und dorthin übersiedelte. Darauf übernahm der ehemalige Acker Bilk-Posaunist John Mortimer diese Position. Er hatte die letzten Jahrzehnte zwar keinen Dixieland mehr gespielt, fügte sich aber als erstklassiger Jazzposaunist sofort bestens in die Gruppe ein. 1995 verließ Jörg Kuhfuß die Gruppe. Für ihn kam Clive Fenton von Bob Kerr´s Whoopee Band in die Hot Five. Der junge Musiker ist einer der besten Sousaphonisten weit und breit und gehört auch heutzutage noch zur Band. Obwohl Rod mit seiner Band nun schon seit 10 Jahren im Rheinland ansässig war, waren alle Abgänge deutscher Musiker (Wrobel, Oeding, Wulf & Kuhfuß) durch Briten ersetzt worden. 1996 verschlug die Liebe Paul Harrison nach Dänemark, und der nächste ehemalige Bob Kerr-Musiker, Klarinettist & Saxophonist Andy Leggett, der einst mit den legendären Temperance Seven gearbeitet hatte, rückte nach.
Damit war wieder ein personeller Umbruch beendet und die Band blieb für die nächsten Jahre in ihrer Besetzung stabil, bis Udo Jägers, einer der besten Banjospieler des Landes, Anfang 2003 aus gesundheitlichen Gründen ausscheiden mußte. Bis September 2003 teilten sich Sean Moyses und Frank Ludwig abwechselnd die Banjoposition, bis Ingrid Mason, Rods Gattin und Managerin der Band, unseren Sean fragte, ob er nicht fest in der Band einsteigen wollte. Er wollte – und gehört seitdem fest zur Hot Five.
Anfang 2004 konnte Udo seine musikalische Laufbahn nach einem Jahr Pause fortsetzen und schloß sich meiner Lutzemann´s Jatzkapelle an. Im Juli 2007 verstarb der langjährige Pianist Ralf Peyer im Alter von 59 Jahren. Sein Nachfolger wurde der in Bonn ansässige, junge schottische Pianist Fraser Gartshore, durch dessen Einstieg die ohnehin gute Rhythmusgruppe noch eine deutliche Leistungssteigerung vollziehen konnte.
Als langjähriger Beobachter der Band, mit der ich bzw. meine Lutzemann´s Jatzkapelle schon manches Mal in geschäftlicher Konkurrenz stand, will ich diesen Artikel mit folgendem Resumée schließen: Rod Mason ist ein Spitzentrompeter, der sich seit über 2 Jahrzehnten einer exzellenten Band erfreut, deren Konzerte und CDs ich Ihnen hiermit wärmstens empfehlen und als Herz legen möchte. Daß mit Sean Moyses und Fraser Gartshore zwei der besten jüngeren Jazzmusiker Europas in seiner Band mitwirken, ist höchst erfreulich.
Seien wir gespannt, wie es mit dieser Band weitergeht!